Ostseewind

War ja klar: wir fahren Richtung Ostsee und was macht das Wetter? Der Wind wird aufbrausend, es regnet. Auf der Rader Hochbrücke ist die Geschwindigkeit für alle auf 60 reduziert. Vor uns blitzt es rot, in mir blitzt leichte Schadenfreude auf. Ein VW-Bus war der Meinung, freie Fahrt zu haben ….. ja, ich bin gehässig, manchmal …..! Aufatmen als die Brücke hinter uns liegt. Am nächsten Tag hören wir im Radio, dass die Brücke für LKW, Gespanne etc. komplett gesperrt ist. 

Unser Ziel heisst Fleckeby. Das liegt in der Eckernförder Bucht und ist ein nettes Örtchen. Die typischen reetgedeckten Bauernhäuser sind hier in der Region mit sandsteinfarbenem Stein verblendet, Friesenwälle säumen die Gärten. Enge Strässchen a la „durch diese hohle Gasse…“, gesäumt von Bäumen und frisch gestutzten Heckenwänden, führen wellenförmig durch die Landschaft. Der entgegenkommende Trecker macht die Strasse mit seinen bulligen Reifen und seiner drohend erhobenen Schaufel irgendwie noch schmaler. Die hinter mir her zuckelnden Autofahrer sind bestimmt hellauf begeistert über meine „angepasste“ Fahrweise ….

In der App Park4night wird ein Stellplatz angepriesen. Direkt am Wasser, auf dem Areal des örtlichen Seglerhafens. Das gucken wir uns doch mal an. Ein schmaler, schlaglochbewehrter Weg führt zu einem Parkplatz für Spaziergänger. Von hier ab nur noch zu Fuss weiter?? Zumindest an diesem Wochenende war es die richtige Entscheidung, denn an einem massiven, kettenbewehrten Tor ist Schluss, der Stellplatz liegt in „weiter Ferne“ und ist unerreichbar. Spätestens hier müssten wir Rosinante wenden.

Ein Spaziergang am Strand mit Muscheln suchen und Schneckenhäuser finden sowie einmal Kopf frei blasen, übers graue bewegte Ostseewasser gucken, Salzwasser atmen und eine einzelne Möwe beobachten. Leise raschelt das Schilf im Wind. Nur wenige Spaziergänger zieht es heute hierher. 

Mein Navigator und Beifahrer hat es vorgezogen, im warmen Wohnmobil auf mich zu warten. Und auf uns Beide wiederum warten die Segelfreunde. Ein alljährliches Treffen mit Kaffeetrinken, gemeinsamem Essen und Neuigkeiten austauschen. Aber auch in früheren Erlebnissen versinken, an Orte zurück beamen, die uns bedeutsam waren. Damals, in unserem ersten Jahr als Langfahrtsegler. Auf Google maps und am geistigen Auge ziehen noch einmal die Rias Galiziens vorbei. Fahren wir noch einmal über die Biskaya und ich ernte erstaunte Blicke bei meinem Outing zum Thema Häufigkeit des Toilettengangs bei dem Wort „Biskaya“. Weisst Du noch, wie wir von Guernsey nach Roscoff segelten? Wie wir auf den Hafen zuschossen, wie sich die Mauer des neuen Yachthafens wie ein Sesam-öffne-Dich vor uns aufschob und uns Einlass gewährte. Erinnerungen an ein bewegtes Leben, an die Wechseljahre mit Wellengang. Die anderen lauschen interessiert, wollen auch noch einmal los mit ihrem Boot. Noch dieses Jahr wird es soweit sein. Eine leichte Sehnsucht steigt in uns auf. Es war einmal …..!

Die Nacht fühlt sich dann auch ein klein wenig nach Wellengang an. Regen prasselt aufs Dach, heftig, in Schauern. Zwischendurch immer verschnaufend, um dann erneut und ungestüm auf Rosinante einzudreschen. Die hält tapfer stand. Und gegen Morgen lässt das prasseln nach, wird sanfter und wiegt uns in einen erholsamen Schlaf. Der Wind rauscht heran wie eine schnaufende Dampflokomotive, packt mit fester Faust unsere Rosinante und rüttelt sie ordentlich durch. Oh Gott, gleich landen wir im Dorfweiher. Neben dem haben wir geparkt. Kein offizieller Parkplatz geschweige Stellplatz für ein Wohnmobil. Vorne plätten wir einen Maulwurfshügel, neben uns stehen kleine Obstbäume und eine Sitzbank. Der einzige Platz, der Rosinante geeignete Ausmasse hat und nahe am Haus der Freundin gelegen ist. Keiner klopft an, keiner fühlt sich durch uns gestört. Dorfidylle? Vielleicht liegt es ja auch an uns, an unserem Verhalten und der Tatsache, dass wir uns ruhig verhalten, den Tag im Haus der Freundin verbringen.  Oder das wir einfach gut hier rein passen. Beim Spaziergang durch den Ortsteil treffe ich eine ältere Dame mit einer 10jährigen, scheuen Hündin aus dem rumänischen Tierschutz. „Die hat schon so viel mitgemacht, sie ist etwas vorsichtig“ ruft die Dame mir von weitem zu. Wir kommen ins plaudern und sie fragt mich, wann ich denn immer hier spazieren gehe. Das ich nur zu Besuch sei und keine regelmässigen Spaziergänge mache, quittiert sie mir mit einem „schade, Sie würden hier gut rein passen“. Die alte Hündin ist derweil weiter gelaufen, kennt den Weg und fordert jetzt bellend das Frauchen zum Mitkommen auf. Eine profitiert von der Anderen: die ältere Dame hat wieder neuen Lebensmut, eine Aufgabe, wird gebraucht. Und der alte Hund mit dem Stummelschwanz hat auf seine letzten Lebensjahre noch einen schönen Platz gefunden der ihm Geborgenheit und Liebe bietet. Mit einem Lächeln im Gesicht setze ich meinen Gang fort, komme erfrischt und durch gepustet wieder bei Rosinante an. 

Ein aussergewöhnliches Wochenende mit Freunden und schönen Begegnungen, mit heilenden Händen und einer verwöhnenden Wellnessmassage geht viel zu schnell zu Ende und Rosinante schiebt sich brav aus dem durchweichten Grün am kleinen Entenweiher. Die aus hellem Backstein erbauten und sich oft unter Rest druckenden Häuser bleiben zurück, ein letztes Winken und weg sind wir. Den Weg zurück zur Autobahn finden wir mittlerweile auch ohne Navi, links, rechts, echt jetzt? Die Schilder weisen uns die Richtung. Dann fädeln wir uns auf dem Highway to Hamburg ein. Die Räder Hochbrücke darf wieder passiert werden, mit 80kmh. Ich tue mal so, als habe Rosinante eine unerwartete Gewichtszunahme auf über 7,5 T erfahren und halte mich an die vorgeschriebenen 60 kmh. Tief unter uns ziehen die dicken Pötte den NOK entlang. Norddeutschland im Februar, regengetränkt, windzerzaust und vorwiegend grau. Grau in allen Schattierungen. Und doch irgendwie auch bunt und lebendig, voller Vorfreude. Auf Frühling, Sommer, auf Neues und wieder erwachtes. 

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