Otterndorf – ein Kurztrip

Es ist August. Es ist heiss, über 30 Grad. Die Sonne bretzelt gnadenlos vom wolkenlosen blauen Himmel auf uns herunter … ich glaube, man nennt das Sommer. Irgendwie hatte ich das wohl verdrängt, vergessen. Sommer in Cuxhaven jedenfalls gefällt mir nicht beschliesse ich „spontan“, nachdem sich offensichtlich sämtliche Hobby- und Urlaubsfahrradfahrer dieser Welt hier versammelt haben und irgendwo völlig planlos kreuz und quer fahren. Ob da Fussgänger oder Autos in die Quere kommen, ist völlig wurscht. Es wird munter auf dem Gehweg gefahren, mal schnell auf die Fahrbahn gewechselt, spontan angehalten weil das Kind nicht mehr mag …. gibt es eigentlich eine Sammelstelle bei der man beim Besteigen eines Fahrradsattels sein Hirn abgibt??? Eigentlich sind wir ja auch nur hier, weil uns in Bremerhaven jemand erzählt hat, das Schwesterschiff unserer naja sei hier nach seiner Kenterung geborgen und an Land gestellt worden. Und tatsächlich steht die ehemalige RUBIN (IV??) hoch und trocken mit einem ziemlichen Schaden an ihrer Steuerbordseite auf der Pier. Aber ist das wirklich naja’s Schwester? Ähnlichkeit besteht und doch sind einige Unterschiede vorhanden. Die verbliebene Crew ist schwer mit Kleidung trocknen beschäftigt, die Reling füllt sich stetig. Ob es nichts wichtigeres zu trocknen gibt oder ist der Rest eh derart hin, dass sich trocknen erübrigt? Immerhin hat die Yacht komplett unter Wasser gelegen, nur noch ein Teil des Mastes guckte raus. Was für ein Schicksal! 

Mein Skipper und jetziger Navigator kann sich kaum losreissen von dem Elend. Ich mache einige Fotos, der Schweiss läuft in Strömen, ich bin genervt und will nur noch weg. 

Otterndorf fällt mir da ein. So oft gelesen und noch nie dort gewesen. Über eine schmale Landstrasse und durch einige kleine Ortschaften führt uns das Navigationsgerät zielsicher hin. 

Nach einem kurzen Umweg zur Schleuse finden wir in Otterndorf direkt einen Platz für die Nacht. Nur ein Parkplatz, aber gegenüber gibt es eine Pizzeria und ruhig ist es nach anfänglicher Skepsis auch. An bzw. vor der Schleuse gibt es Bootsstege, nur wenige Meter entfernt schweben die dicken Pötte die Elbe hoch und runter. Rot-weiss gestreifte Türme beherbergen die Fahrwassersignale und weisen den Weg bei Dunkelheit. Ein schmaler Weg führt zum Elbstrand. Hinter den Deich ducken sich ein Campingplatz, ein Wohnmobilstellplatz, ein Freizeitareal mit mehreren kleinen Seen und einige Häuser. Eine ehemalige Gastwirtschaft wartet auf den Prinzen, der sie aus ihrem Schlaf wachküsst, Geld in die Hand nimmt und die einstige Schönheit wieder zu Tage bringt. Hoffentlich bevor die Holzbalken des Fachwerks das gammeln beginnen und nicht mehr zu retten sind.

Otterndorf selbst überzeugt durch seine Lage am Wasser, auch wenn es nicht direkt an der Elbe liegt. Mitten durch den Ort verläuft die Medem. Ganz unauffällig, dezent und doch präsent. Lauschig und fast ein klein wenig wie Holland wirkt das. Überall liegen kleine Boote an Stegen vertäut, das Wasser liegt spiegelglatt unter den zahlreichen Brücken. Gut erhaltene Fachwerkhäuser, Kopfsteinpflaster, eine Kirche mitten im Ort. Davor begeistert ein Herr aus Bronze zwei kleine metallene Buben mit seinem Spiel und dahinter begeistert das Wasserspiel einen echten Jungen dieser Zeit. 

Die Nacht ist erstaunlich angenehm und mit der morgendlichen Kühle fühlen wir uns bereit für einen etwas ausgedehnteren Spaziergang durch den Ort. Im Schatten vor der Kirche sitzen ältere Herrschaften entspannt auf den Bänken und harren der Dinge, die da wohl eher nicht kommen. Otterndorf liegt schläfrig in Erwartung eines weiteren Sommertages. Nur langsam öffnen die Läden in den kleinen Fachwerkhäusern, nur wenige Menschen gönnen sich ein Frühstück im Bäckerei-Café. Das Kranichhaus mit seinem megagrossen Giebeltier, der Brunnen mit den Otterfiguren, der Ratskeller … immer Fachwerk gepaart mit Klinkerbauweise und Sprossenfenstern. Türen, die mein Fotografenherz und -auge begeistern. Und immer wieder kleine Seitenwege, die zum Spazierengehen einladen. Entlang des Nordwalls führt uns unser Weg, wo wir mit einem Herrn aus Bielefeld ins Gespräch kommen. Zwei Häuser hat er schon hier gekauft, zuletzt ein kleines Stadthaus. Sehr persönlich und liebevoll eingerichtet vermietet das seine Frau an gute Bekannte und Freunde. Seinen Hund zieht es weiter, wenige Meter weiter kommt der nächste Stopp für ihn in Form eines Hundebekannten samt menschlichem Anhang. Man kennt sich und kommt schnell ins Plaudern. 

Von einem kunstvoll gestalteten Schild, der Beschriftung nach die Station 16 (wo wohl die restlichen 15 Stationen sind??) wird man aufgefordert, einen Code zu scannen. Leider stellt unser Mobilfunkanbieter just an dieser Stelle nur eine E-Verbindung zur Verfügung und mein Handy teilt mir mit „kein Internet“. Das ist jetzt blöd, wir gehen unwissend weiter und finden – da wir Absperrungen und Verbotsschilder schon mal gerne missachten – auch noch das Schloss samt kleinem Park und Torhaus. Corona hält auch die Tür des kleinen Museums verschlossen. Man kann den Mindestabstand nicht wahren, dafür ist das Museum zu klein. So bleibt uns ein kleiner Blick durchs Sprossenfenster des Torhausmuseums. Ein Schwenk durch den Skulpturenpark, noch ein staunender Blick auf die kopfstehende Welt im spiegelglatt und doch leicht fliessenden Wasser der Medem, dann stehen wir auch schon wieder auf dem Parkplatz. Bereiten das Innenleben unseres mobilen Heims auf die Weiterfahrt vor. Wenn da nicht der Fisch in der Kühltruhe ruhen würde, dann würden wir sicher noch bleiben. 

So aber verlassen wir Otterndorf sehr entspannt und mit der festen Absicht, nicht zum letzten Mal hier gewesen zu sein. Selbst im Sommer, zur Ferienzeit ist es hier sehr angenehm.

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