Im wahren Norden

Flensburg 1. Tag – 29.09.2020

Die Finger tanzen über die Tastatur. Wie befreit, aufatmend, Blockaden werden gelöst. Stehen am Wasser, Blick auf die Flensburger Förde, Ostsee, das Gefühl von am Meer sein ….. Möwengeschrei, das laute Tuten eines grossen Potts der signalisiert, dass er ausläuft. Das Tuckern eines Bootsdiesels, der ein Segelboot zurück in den Hafen schiebt. Weisse Segel ziehen lautlos und fast behutsam ihre Bahn auf dem spiegelglatten Wasser der Flensburger Förde, ein Aussenborder knattert durch den Hafen. Genau gegenüber und leider verdeckt durch dicke Bäume liegen die klassischen Schönheiten. Die liebevoll von Robbe & Berking aufgearbeiteten, schlanken Segelboote. Die mit viel Holz oder ganz aus Holz gebaut wurden. Auch wenn Jenetta’s blau-bunter Rumpf sich da etwas  aus der klassischen Richtung raus bewegt. Ein Traum und ich steh in echt davor!! Und das rolling home direkt gegenüber. Das schämt sich ein klein wenig, bei so viel Glanz und Gloria kann so ein schnödes Wohnmobil nicht wirklich gegenan stinken. Bis ich mal mit so viel Bewunderung und dem gleichen Leuchten in den Augen verzückt vor einem Wohnmobil innehalte ….. da kommt der Berg eher zum Prophet ;-).

Obwohl so ein Wohnmobil ja doch auch einige Vorteile hat. Man nehme nur die Parkerei: ankommen, Zündschlüssel umdrehen, abziehen, Türen abschliessen, loslaufen. Das geht schon fix. Ist aber auch ziemlich profan und dröge. Na ja, immerhin können wir so schöne Orte besuchen wie diesen hier und über Nacht bleiben so lange wir wollen. Das hat ja doch auch was.

Drüben auf der Hafenspitze steht ein Imbiss. Holzverkleidet, das Piratennest. Einige wenige Piraten geniessen den milden Septemberabend, essen ihre Pommes Frites vor dem Imbiss oder gucken ein bisschen auf die Förde. Und als hätten wir eine Welt gewechselt werden wir hier an den Bootsstegen freundlich gegrüsst, während drüben bei den Wohnmobilisten die meisten finster gucken und kaum die Lippen bewegen wenn man Hallo sagt. Am liebsten würd ich umziehen

2. Tag Flensburg – 30.09.2020

Fällt es schon unter Camping, wenn man die Fussmatte vor die Eingangstür des Wohnmobils legt? Was genau ist die Definition von nur übernachten und campen? Die Geister streiten sich, uns ist es wurscht. Wir interessieren uns mehr fürs Mastlegen, was für ein Boot da gerade vorbei segelt und ob evtl. der Motor läuft. Gegenüber, auf der Hafenspitze, liegt die Bank schon lange im Schatten. Was zwei ältere Menschen nicht davon abhält, ein ausgiebiges Schwätzchen zu halten. Hafenspitzen scheinen dafür prädestiniert zu sein, sitzen, schwatzen, gucken. Ein klein wenig inne halten, die Welt anhalten. Den Segeln auf der Förde nachzusehen und davon zu träumen, was mal war, was hätte sein können und was da noch so kommt. 

Mit Nebel begann der Tag, mit Sonne klingt er aus. Es ist erstaunlich warm auch wenn die Kleidung so mancher Spaziergänger eher einen verfrühten Wintereinbruch vermuten lässt. Von Daunenjacke über Schal und Mütze ist da ziemlich alles vertreten. Nur die Handschuhe bleiben noch in den Schubladen. Etwas verschämt geht mein Blick nach unten, auf die nackten Fusszehen in den Sandalen…… Jacke? Nee, brauch ich heute nicht. Ein Fleecepullover ist meine persönliche Huldigung an diesen letzen Septembertag und den nahenden Herbst. 

Nach einem kurzen Ortswechsel mit Einkauf im Edeka haben wir jetzt einen Stellplatz mit ganz freiem Blick aufs Wasser und den Steg mit den schönen 12er Segelyachten. Der Navigator hat Geburtstag und sein Wunsch war es, diesen Tag hier in Flensburg zu bringen. Der Weg vom Stellplatz in die Stadt führt am World Heritage Center der Firma Robbe & Berking vorbei. Da gehen wir dann morgen rein. Am Wasser und mehreren Bootsstegen entlang geht es in die Altstadt von Flensburg. 

Die kleinen Seitenstrassen und natürlich auch die vielen zweisprachigen Hinweisschilder erinnern an die dänische Vergangenheit. Kleine Läden mit einem schon etwas ausgefallenerem Angebot, unzählige Restaurants und Cafe’s, dänisches Eis, dänisches Gebäck – aber keine einzige Bäckerei!! Dafür alle paar Meter Fischbrötchen und Möwen, die darauf lauern, dass jemand was fallen lässt. Die vielen traditionellen, grossen und kleineren Segelboote lassen uns ständig stehen bleiben. 

In Flensburg gibt es übrigens auch ein Rätsel zu lösen. Das Rätsel der hängenden Schuhe. An Drahtseilen, die quer über die Strasse von Haus zu Haus gespannt sind, hängen Schuhe. Immer paarweise und Schuhe aller Art. Angeblich hat man hier den Trend Shoefiti (Shoes & Graffiti) erfunden. Flensburg als Trendsetter Stadt, wer hätte es gedacht. Mir fielen immer mehr so traditionelle Themen wie Rum, Schiffsbau und Verkehrssünderkartei dazu ein. Über die Hintergrundgeschichte, die Entstehung des Trends gibt es mehrere Varianten. Auf jeden Fall sieht es witzig aus und es ist definitiv nicht einfach, ein paar Schuhe so über den Draht zu werfen, dass sie a) hängen bleiben und b) bei den vielen vergeblichen Versuchen kein Passant verletzt wird oder ein Sachschaden an Häusern oder Autos entsteht. Auf einen eigenen Versuch lassen wir es lieber nicht ankommen, wir haben uns ein anschauliches Video dazu angesehen. 

3. Tag Flensburg – 01.10.2020

Der Oktober beginnt wie der September geendet hat – mit Sonne. Und dem Anblick der 12er Segelyachten am Steg. Was für ein Ausblick am frühen Morgen vom Bett aus. Den würd ich wohl gerne öfter geniessen. Und ein kleines Hafenkino bekommen wir auch geboten. Heute ist Mast legen angesagt bei den 12ern und passend dazu hat der Wind aufgefrischt. Aber bis zum Ende unseres Frühstücks sind die beiden dänischen Yachten entmastet und ein grösseres Schlauchboot zieht die dritte Dame aus der Box und anschliessend zum Kran. 

Für uns steht heute ein Besuch des Yachting Museums von Robbe & Berking an. Im Erdgeschoss ist eine beeindruckende Fotoausstellung zu sehen. Aber die ist eigentlich nicht im Focus unseres Interesses. Abgesehen von den Halbmotiven und einigen kleineren Exponaten zum Thema Boot ist lediglich die imposante Bücherei zum Thema Schiffsbau, Schiffe und Segeln wirklich interessant für uns. Wir sind zugegebenermassen etwas enttäuscht. Hatten wir uns doch mehr zum Thema der legendären 12er Segelyachten erwartet, eine bessere und vor allem informativere  Aufbereitung der Restaurierungsgeschichte der Jenetta beispielsweise. Zeitungsartikel lesen und zusammen fügen, ein paar wenige Fotos dazu – das ist jetzt nicht so das non plus ultra. Da mögen wir auch nicht mehr im italienischen Restaurant einkehren, das einen Grossteil des oberen Stockwerks einnimmt. Positiv fällt allerdings auf, dass wohl angehenden Bootsbauern ermöglicht wird, die wirklich umfangreiche und von einem Wiesbadener in 25 Jahren zusammen getragene Bibliothek und das Internet zu nutzen. Zumindest sieht es so aus. 

Kunst kaufen mögen wir auch nicht und Silber erst recht nicht. So ziehen wir von dannen und machen nach dem Mittag einen kleinen Spaziergang in die Sonwick Marina. Hier bereitet man gerade den Companys Cup vor. Sieht allerdings auch nicht gerade nach einem Grossereignis aus, eher nach Vereinsregatta ;-). Vor der Kulisse der zu Wohnzwecken umgebauten alten Marinegebäude liegen dennoch zahlreiche Segelyachten an den Stegen und bieten den Hausbewohnern einen netten Anblick. Strandkorbfeeling gibt es auch noch ein bisschen, auch wenn der nächste Strand doch etwas weiter weg liegt. 

Ein Stück den Hang hinauf zieht ein ziemlich verfallenes und von hohen Bäumen umstandenes Backsteingebäude meinen Blick an. Ein Spaziergänger erklärt mir, dass es sich um die frühere Leichenhalle des etwas oberhalb liegenden Krankenhauses handele. Das erklärt die an Kirchenfenster erinnernden, allerdings zugemauerten Bögen in der Wand. Restauriert wird hier aber wohl eher nichts mehr, man kann eher vermuten, dass der natürliche Zerfall durch Nichtstun hier dem Denkmalschutz einen Strich durch die Rechnung machen wird. 

02. Oktober 2020 – immer noch Flensburg.

Das ist hier so ein Ort, von dem wir uns nur schwer verabschieden können. Ein Spaziergang am Wasser entlang, ein Bummel in die Stadt oder einfach nur sitzen und gucken. Den Möwen zuhören, die Boote auf der Förde beobachten. Langweilig ist es nicht, nur mega entspannt. Die Rufe der Möwen, das manchmal etwas aufgeregte Quak-Quak der Enten, das laute und anhaltende Hupen eines Schiffshorns. Auch wenn der Wind aufgefrischt und die Sonne sich verkrümelt hat, es herbstlich wird, zieht es uns noch nicht so recht weiter. Wohnmobile kommen und gehen, parken ein, um oder aus. 

Morgen ist Feiertag. Also müssen wir heute nochmal einkaufen. Was genau eigentlich????? Unsere Bedürfnisse sind reduziert, nichts, was unbedingt nötig erscheint. Eigentlich nur Brot fürs Frühstück. Wie angenehm, das können wir auch in der Stadt besorgen. Irgendwo in der Nähe der roten Strasse soll es doch tatsächlich auch in Flensburg einen Bäcker geben. 

Langballigau – 04.10.2020

Strand …. in Sichtweite und noch wichtiger: mit wenigen Schritten erreichbar! Am Abend ist die Ostsee stürmisch und wirft sich mit Vehemenz an den Strand von Langballigau. Am nächsten Morgen ist es ruhig, kein Wind, sanft plätschert das Wasser. Vergessen ist die Kraft und Unruhe vom Vortag. Die Aufgewühltheit ist verraucht. Übrig geblieben ist ein breiter Tangstreifen und ein gestrandeter Fisch auf den Steinen. Den die Möwen noch nicht entdeckt haben. 

Ein Rudel riesiger schwarzer Krähenvögel lungert unmotiviert auf dem Spielplatz zwischen Strand und Campingplatz herum. Hat die hölzernen Gerätschaften okkupiert. Gänse watscheln am Strand herum und ergreifen frühzeitig die Flucht ins rettende Wasser wenn sich ihnen ein Mensch nähert. Segelboote ziehen ihre Bahnen, setzen die weissen Segel, für die noch etwas zu wenig Wind weht. 

Steinig ist es unter meinen Füssen. Kleine Schneckengehäuse liegen zwischen den Steinen, leer gefressen und übrig geblieben, unscheinbar, so leicht übersehbar. Jetzt einen Lochstein, einen Hühneraugengott finden. Da, der sieht doch so aus ….nein, das wird mal einer, irgendwann, wenn ich nicht mehr suchend am Strand entlang laufen kann. Auf dem Rückweg, mit der Sonne im Rücken ist mir das Glück doch noch hold. Klein, unscheinbar, aber unübersehbar mit gleich mehreren durchgängigen Löchern liegt er vor mir. Und wandert in die Tasche. Aus der sich unbemerkt und ungesehen der Autoschlüssel vondannen geschlichen hat. 

Hektische Suche danach als wir starten wollen. Kabeltrommel aufgerollt, WC-Tank geleert, von den Freunden verabschiedet und dann ist der Motorschlüssel unauffindbar! Dreimal und wider besseren Wissens wird der Rucksack auf den Kopf gestellt, fünfmal sämtliche Jackentaschen durchforstet, völlig unlogisch die Matratzen hoch gehoben …wo ist dieser verflixte Schlüssel?? Eine Eingebung lässt mich den Gatten zur Rezeption schicken. Triumphierend kommt er zurück, mit dem Objekt unserer Begierde in der Hand. Ein mitfühlender Mensch hat ihn gefunden, „auf dem Weg“ und an der Rezeption des Stellplatzes abgegeben. Der muss mir heute morgen auf dem Weg zum Strand klammheimlich und äusserst leise aus der Jackentasche gerutscht sein. Der erste Gang zu Hause wird uns zum Nachschlüssel führen. Denn wir haben nur einen einzigen Zündschlüssel für unser rolling home. Bissel wenig wie wir nach der Aktion heute finden! 

Jetzt und hier aber können wir ver- und entsorgen und uns neuen Zielen zuwenden. Kappeln, Maasholm und andere Orte warten auf uns und wir lernen Süderbrarup kennen. Süderbrarup??? Was genau war hier nochmal??? Zum Leben gibt es hier alles, Bäcker, Supermärkte und einen groooooossen leeren Platz auf dem man mit dem Wohnmobil ganz wunderbar stehen und nächtigen kann. Bekannt ist der Ort durch die Comicserie WERNER … ah, daher ist mir der Name ein Begriff…lang, lang ists her.

Maasholm lassen wir dieses Mal ausfallen, zuviel los, kein Parkplatz für uns frei und auf den Stellplatz mit Übernachtung wollen wir nicht. Auch in Kappeln machen wir nur einen kurzen Stop, parken auf einem Supermarktparkplatz und laufen uns die Füsse platt von hier bis zum Museumshafen. Nächstes Mal weiss ich, wo wir parken können ;-).

05.10.2020 – Eckernförde und die Kunst

Wir sind ja nicht so die „Künstler“. trotzdem fällt uns Kunst – sofern vorhanden – relativ schnell ins Auge. Ob wohlwollend oder nicht, das sei jetzt mal dahin gestellt. 

Kaum sind wir in Eckernförde auf der Strandpromenade, stolpern wir fast über die ersten Kunstobjekte: eine Meerjungfrau, weiss und rein aalt sich im Rasen und schaut versonnen auf einen deutlich kleineren aber ebenso weissen Jüngling. Dem scheint die Dame schon ziemlich den Kopf verdreht zu haben. Zumindest alles, was unterhalb der üppigen Haartolle an Gesicht erkennbar ist. Die Hand über die Nase (so wird das nix mit dem Ausguck) hält er Ausschau nach …. ja nach was eigentlich? Vielleicht nach jemand, der ihm den Kopf wieder gerade rückt??? 

Wenige Meter weiter haben Vorhängeschlösser von einem auf den Flossen stehenden Fisch Besitz ergriffen. Gut, das mit den Schlössern hätte jetzt nicht sein müssen, der Fisch allein war schon ansehnlich genug. Auch die Meerjungfrau, die ihren Platz am Ufersaum hat und gerade dem Wasser entstiegen zu sein scheint, wurde „verschönert“. Rot-weisses Flatterband um die Hüften gewickelt bleibt sie standhaft und wirft stolz den Kopf zurück. 

Es folgen hölzerne Fische und Boote, Brunnen und Köpfe aus Bronze, kunstvolle Pflasterungen. In einer der schmalen Altstadtgassen gibt es gar ein komplettes Kunsthaus. An dessen Fassade gibt es viele kleine Details zu entdecken. Und in Eckernförde sollte man auch immer mal den Blick nach oben richten: kunstvolle Fassaden einerseits und 3 grosse Engel auf Dachfirsten andererseits gibt es hier zu entdecken. Die Engel wachen über die Eckernförder und entstammen einer 2003 zugunsten von Unicef initiierten Aktion „United Buddy Angels“. Wer sie tagsüber übersieht, dem fallen sie vielleicht mit ihrer abendlichen Beleuchtung eher auf. 

06.10.2020 – Glückstadt a.d. Elbe

Es zieht uns heimwärts. All die Eindrücke und Begegnungen wollen verarbeitet sein. Zumindest ist das beim Navigator so. Die Steuerfrau wäre ja gerne nochmal an die Nordseeküste. Büsum, Husum, St. Peter Ording …. nee, ER will heim! Ein kurzer Abstecher nach Glückstadt wird noch genehmigt. Ob die SY Kama mit Andy & Miri wohl schon in Wedel angekommen oder noch auf dem NOK unterwegs ist?? Ein Telefonat klärt die Lage: die KAMA liegt nur wenige Schritte von uns entfernt vor dem Sperrwerk an einem Steg und wartet darauf, mit der Tide ablegen zu können. So ein Zufall! Für einen Kaffee reicht die Zeit noch, dann heisst es wieder mal Abschied nehmen und gute Fahrt wünschen. Die einen auf der Elbe, die anderen auf der Strasse.

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